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Autor*in

Barbara Wallner

Veröffentlicht am 09.07.2025

Aus dem Business Magazin "Workflow"

2025 Innen:Stadt

leben | Bildung | Unternehmen

Energiewende in Kinderschuhen

10 Minuten
Mit der Initiative Let's Netz werden Kinder und Jugendliche praxisorientiert und spielerisch an die Themen Strom, Energieversorgung und Nachhaltigkeit herangeführt. Ein besonderer Fokus liegt darauf, auch Mädchen und junge Frauen für technische Berufe zu interessieren.
Blonde Frau geht vor dem Bildungscampus der Stadt Wien.
© Richard Tanzer

Diese spielerischen Handlungen sind Teil der Initiative „Let's Netz“, die Kindern und Jugendlichen das Thema Energie näherbringen soll, wie sie funktioniert und wie die Zukunft der Energieversorgung aussehen könnte. Ein weiteres Ziel ist es, das Interesse von Mädchen und jungen Frauen für technische Berufe zu wecken und zu fördern. Die Initiative lief von Juni 2023 bis zum heurigen Mai in vier Schulen in der Wiener Seestadt. Strom, Energie und Nachhaltigkeit mögen abstrakte Konzepte sein – aber Kinder müssten sich im Alltag ohnehin damit befassen, erzählt Alexandra Lamprecht, die in der zuvor genannten Volksschule unterrichtet. Besonders, wenn es um den Klimawandel und seine Folgen geht, sollte man sich gemeinsam mit den Kindern damit auseinandersetzen, denn das Thema sei ohnehin präsent: „Ich glaube, die Kinder bekommen viel mehr mit, als wir denken – mehr, als uns lieb ist. Und zwar in einer sehr passiven Weise, etwa, wenn die Eltern Nachrichten im Fernsehen schauen. Sie wissen, dass etwas nicht passt, haben aber kein konkretes Bild davon. Das ist für Kinder, die in diesem Alter einen unbeschwerten Zugang zur Welt haben sollten, etwas Schwieriges.“ Dieser Verunsicherung müsse man begegnen, indem man den Kindern Werkzeug gegen ein Gefühl der Hilflosigkeit in die Hand gibt. Genau hier setzt die Initiative Let's Netz an, in der praktisches Wissen spielerisch vermittelt und das Verstehen komplexer Zusammenhänge gefördert wird. Lamprecht ist überzeugt: 

Wie sieht Strom aus? Für die Schüler*innen der Volksschule GTVS Bildungscampus Seestadt Nord spannt er sich als Wollfäden durch ihr Klassenzimmer, wandert bei Exkursionen zu den Wiener Netzen spielerisch als „Stromball“, der über Tücher weitergeschickt wird, durch die Luft. In anderen Fällen sind die Kinder selbst die Windräder, die Wasserkraftwerke, die mit bunten Tüchern die Bewegungen der Naturkräfte imitieren.

„Unsere Aufgabe ist, das Thema so herunterzubrechen, dass es die Kinder verstehen, aber auch wissen: Die Verantwortung liegt nicht bei ihnen – sondern bei den Erwachsenen.“

Alexandra Lamprecht

Lehrerin der Volksschule GTVS Bildungscampus Seestadt Nord

Frau mit braunen Haaren steht vor einem grünen blätterbedeckten Hintergrund.
© Richard Tanzer

Kinderprogramm. Wiener Netze nutzt die Figur Mona Netz, um Kinder spielerisch über Energie und Infrastruktur zu informieren, erzählt Nicole Wagner, HR-Leiterin bei den Wiener Netzen.

Mama, gib den Deckel drauf!

Marion Koidl, Leiterin der Organisationsberatung bei ABZ*AUSTRIA, ebenfalls Projektpartnerin bei Let's Netz, berichtet aber auch von „verkehrten Rollen“: „Die Kinder erzählen immer wieder, wie sie ihren Eltern das Energiesparen ,beibringen': dass man beispielsweise beim Kochen den Deckel auf den Topf geben sollte, um Strom zu sparen.“ Das Thema „Ich und Energie“ ist ein wesentlicher Bestandteil des ersten Moduls, in dem Kinder sich mit der Rolle von Strom im eigenen Alltag auseinandersetzen, „und da haben wir gesehen, dass Kinder in ihren Familien neue Impulse gesetzt haben“.

Ich und die Energiewende

Auch in der Volksschule sei die Kreativität unglaublich stark, so Lamprecht: „Innovation mag für Neun- oder Zehnjährige ein großes Wort sein. Aber eigentlich ist es das, was Kinder die ganze Zeit machen - ohne es so zu benennen. Sie sind neugierig, sie sind kreativ – genau das braucht man für Innovation. Auch wenn sie wissen, dass ihre Erfindungen vielleicht so nicht umgesetzt werden – es hilft, glaube ich, gegen diese Ohnmacht.“
Ein wesentlicher Faktor sei auch, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz im Umfeld der Schülerinnen sichtbar zu machen. Koidl: „Das kann man schon am Gebäude zeigen – die modernen Schulen sind viel energieeffizienter gestaltet als ältere und arbeiten mit modernen technischen Lösungen. Da gibt es automatische Verschattungen, die den Sonneneinfall minimieren und andere Maßnahmen zur Regulierung des Raumklimas.“ Die Art und Weise, wie den Kindern die Thematik Energie und Nachhaltigkeit nähergebracht wird, wurde von den beteiligten Lehrkräften und den Projektpartnern gemeinsam erarbeitet und individuell an Schulstufe und Wissensstand angepasst.

Ein Ansatz, den Lamprecht sehr schätzt: „Im Mittelpunkt standen die Workshops, an denen die Kinder aktiv teilgenommen haben – und die wir im Vorfeld gemeinsam mit allen Partnern entwickelt haben. Genau das macht den Co-Creation-Ansatz von Let's Netz so besonders. Ein Ansatz, den ich so noch nicht gekannt habe.“ Und noch einen wesentlichen Benefit habe die Initiative, erzählt Lamprecht: „Im neuen Lehrplan ist das Konzept 'Bildung für Nachhaltige Entwicklung' eine verpflichtende Leitidee, an der alle Schulen arbeiten sollen – mit Let's Netz konnte dies toll umgesetzt werden.“
Technische Inhalte und Exkursionsziele steuert Projektpartner Wiener Netze bei. Schon vor Let's Netz richtete man sich an Kinder und Jugendliche über die Figur Mona Netz, erzählt Nicole Wagner, Hauptabteilungsleiterin Human Resources bei den Wiener Netzen. Die Figur mit den „himbeerroten Haaren und dem weißen Laborkittel“ ist fixer Bestandteil des Kinderprogramms – sei es bei Schulführungen, Kids-Days, Familienfesten oder im Wiener Ferienspiel. „Sie ist unser Role Model oder unsere Vorzeigefigur für Kinder, speziell für die jüngeren“, so Wagner. Ihr Einsatz ist vielseitig: „Sie tritt bei Events auf, im Technischen Museum, in YouTube-Videos – überall da, wo wir Kindern spielerisch Energie vermitteln wollen.“ Selbst bei Werkstattführungen mit Schulklassen kommt Mona Netz zum Einsatz – dort erklärt sie auf Augenhöhe, wie Strom, Gas und Netzinfrastruktur zusammenhängen. „Die Kinder finden es unglaublich spannend zu erfahren, welchen Weg der Strom nimmt und wie er vom Windrad zur Steckdose findet“, erzählt Marion Koidl.

Das Projekt Let's Netz basiert auf vier Bausteinen: Einführung ins Thema Energie, Erforschung des eigenen Energieverbrauchs, Begegnungen mit Unternehmen und der kreative Part „Innovation", in dem Schüler selbst Zukunftstechnologien ersinnen – in einer der höheren Schulstufen etwa wurde eine Zigarettenstummel-Aufsammelmaschine entworfen. 

Reallabor Seestadt

Für ein Projekt wie Let's Netz sei die Seestadt als Standort prädestiniert, sind sich die Gesprächspartnerinnen einig: Mit ASCR, der Aspern Smart City Research, läuft hier das europaweit größte Energieforschungsprojekt. Seit 2013 forscht die ASCR mit Echtdaten aus aspern Seestadt an Lösungen für die Energiezukunft im urbanen Raum. Die Pilotfabrik der TU Wien, übrigens auch einer der Projektpartner von Let's Netz, beschäftigt sich mit der Industrie 4.0 und ressourcenschonenden Fertigungstechniken. „Wir haben hier auch viel mehr Digitalisierung als im restlichen Stadtgebiet. Das erlaubt uns, Dinge auszuprobieren, die später großflächig umgesetzt werden könnten“, so Nicole Wagner. Gleichzeitig lasse sich beobachten, wie Energieversorgung im Alltag konkret wirkt – etwa bei der Nutzung von Solaranlagen, E-Autos oder intelligenter Raumklimasteuerung.

Frau mit blonden Haaren und blauem T-Shirt sitzt auf einem Stuhl.
© Richard Tanzer

Potenzial. Marion Koidl ist Leiterin der Organisationsberatung bei ABZ*AUSTRIA.

Zukunft, die ...

Aber nicht nur im Bereich Energie bietet die Seestadt das ideale Umfeld für die Ziele von Let's Netz – und die des ABZ: Die Arbeit des Vereins stellt die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt, in der Wirtschaft und in der Bildung in den Mittelpunkt. „Wie Arbeiten und Leben in diesem Stadtteil gedacht wird, passt perfekt zu unserer Mission. Der Gedanke: 'Meine Karriere könnte um die Ecke sein' hat unglaubliches Potenzial für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und das ist für Frauen nach wie vor ein wichtiger Faktor“, so Koidl. Dieses Potenzial möchte man auch Schülerinnen der Seestadt vor Augen führen. Bereits beim Vorgängerprojekt INA (Initiative Neues Arbeiten) stellte man das Thema gemeinsam mit der Seestadt in den Mittelpunkt: „Da ging es um berufliche Perspektiven an einem Ort. Und es kam stark heraus, wie viele tolle Frauen es in der Seestadt gibt - auch im technischen Bereich“, erzählt Koidl. Gemeinsam mit den Wiener Netzen möchte man deshalb weibliche Role Models vor den Vorhang holen, erzählt Koidl weiter: „Da gibt es viele Initiativen und beeindruckende Vorbilder. Wir wollen diese Frauen greifbar machen – gerade für Mädchen.“ Wagner ergänzt: „Die Erfahrung zeigt es und Studien belegen es auch: Wenn Mädchen und junge Frauen sehen – da gibt es eine Frau, die ist Forscherin, Technikerin oder Ingenieurin, dann ist die Hemmschwelle niedriger. Man begeistert sich leichter für Themen, die sonst vielleicht fremd wirken. Wir haben Frauen in verschiedensten Ausbildungsebenen – vom Lehrling bis zur Führungskraft –, die als Interviewpartnerinnen für Jugendliche zur Verfügung stehen.“

Let's-Netz-Projektpartner*innen

  • PlanSinn Planung und Kommunikation GmbH
  • ABZ'AUSTRIA Verein zur Förderung von Arbeit, Bildung und Zukunft von Frauen
  • Atos IT Solutions and Services GmbH
  • Technische Universität Wien Pilotfabrik Industrie 4.0
  • Wiener Netze GmbH


Schulen: BG/BRG Seestadt, BG/BRG Simonsgasse, Bildungscampus Liselotte Hansen-Schmidt (MS/VS), Bildungscampus Seestadt Aspern (VS)

Das Projekt wird von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft unterstützt.

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