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stadt.schreiben

Veröffentlicht am 05.09.2012

leben | Nachbarschaft

stadt.schreiben: Zimmerflucht

 



Als ich die Augen wieder aufmache, entdecke ich einen Schillerfalter auf meinem Fensterbrett. Er scheint sich zu überlegen, ob er hereinkommen...
  Als ich die Augen wieder aufmache, entdecke ich einen Schillerfalter auf meinem Fensterbrett. Er scheint sich zu überlegen, ob er hereinkommen oder weiterfliegen soll. Immerhin stand das Fenster offen, es spricht also nichts dagegen, sich anzuschauen, wie die Menschen so leben. (Textbeitrag: Hanno Millesi) Sein Flügelpaar weist ein in sich verlaufendes Farbenspiel auf, das an ein Aquarell von Wassilij Kandinsky erinnert. Allerdings sind nur etwa zwei Drittel seiner Schuppen davon bedeckt. Als hätte dem Meister nicht ausreichend Zeit zur Verfügung gestanden, oder die Unvollständigkeit verweise auf die mangelhafte Integrität des modernen Menschen. Braune Farbtöne dominieren, vermischt mit etwas Schwarz und Weiß. Der Falter erinnert mich an den Herbst und den Appell dieser Jahreszeit, zusammenzuräumen, hineinzugehen, die Jacke zuzuknöpfeln – vielleicht auch das Fenster zu schließen. Ohne den Falter aus den Augen zu lassen, erhebe ich mich von meinem Sofa,  und achte darauf, keine überflüssige Bewegung zu machen. Mit rückwärts gesetzten Schritten nähere ich mich der Tür zum Schlafzimmer, als verließe ich die Audienz einer Majestät. Sobald ich an der Tür bin, fällt sämtliche Spannung von meinem Körper ab. Ich verlasse das Zimmer und schließe die Tür hinter mir. Damit will ich verhindern, dass sich der Falter in meinen Räumlichkeiten verirrt. Durch mein plötzliches Erwachen verunsichert, könnte er sich veranlasst sehen, von einem Zimmer ins nächste zu flüchten, wodurch er sich immer tiefer in die Ausweglosigkeit meines Zuhauses begäbe. Meine Versuche, ihm den Weg in die Freiheit zu weisen, kämen ihm wie Anschläge auf sein Leben vor. Etwa um seiner Schönheit willen. Dabei geht die Gefahr gar nicht von mir aus.   In jedem Winkel meiner Wohnung lauert eine Bedrohung. Betrete ich unangekündigt ein Zimmer, kann ich mich davon überzeugen. Ansonsten zieht sie sich, ehe ich auf der Bildfläche erscheine, zurück und lässt mich wie eine hysterische Person aussehen, in deren Inneren der Verdacht heranwächst, gegen sie sei eine Verschwörung im Gange. Natürlich glaubt so jemandem niemand, wie auch ich in hellen Momenten an der Stichhaltigkeit meiner eigenen Vermutung zweifle. Dabei spüre ich es ganz deutlich: Meine Wohnung will sich meiner bemächtigen. Etwa, um mich zum Vollstrecker einer obskuren Weißsagung zu machen. Einer jener berüchtigten Unterkünfte in der Literatur vergleichbar, blickt sie auf eine dunkle Vergangenheit zurück. Die unvorteilhafte Aura zahlreicher Verfehlungen, die Erinnerung an Versäumnisse und falsche Entscheidungen hat ausgerechnet mich auserkoren, Rache zu nehmen. Rache für den ungünstigen Verlauf des Schicksals. Rache an einem Bewohner, der ebenfalls von mir verkörpert wird. Warum bin ich auch hierher gezogen? Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Angesichts meiner brenzligen Situation kommt mir jedweder denkbare Grund irrelevant vor. Ich bin gar nicht sicher, ob ich selbst diese Entscheidung getroffen habe. Möglicherweise hatte mir meine Wohnung bereits ihren Willen aufgezwungen, ehe ich mich ihr mit allem, was mir gehört, anvertraut und damit ausgeliefert habe. Vielleicht haben mich die verfänglichen Gezeiten des Wohnungsmarktes dieser Bestie in Gestalt einer Immobilie in den Organismus gespült wie einen x-Beliebigen, an dem sich verwirklichen lässt, was mit unzähligen anderen ebenfalls möglich gewesen wäre. Oder mein Unterbewusstsein hat mich hierher geführt, jener schwer durchschaubare Bereich, mit dessen Hilfe meine Wohnung mit mir kommuniziert. Dabei handelt es sich um eine einseitige Kommunikation. Verspüre ich Hunger, bewege ich mich nahezu unwillkürlich Richtung Küche. Alle Räume lassen sich ausschließlich durch Türen betreten. Gelegentlich knarrt der Boden unter meinen Füßen und gibt mir damit zu verstehen, jede meiner Bewegungen werde registriert. Ausblick gewährt mir meine Wohnung nur durch ein paar Fenster, deren Position und Ausrichtung nicht ich festgelegt habe. Ich werde also von dem, was ich durch sie sehe, viel eher gesehen als umgekehrt. Waschen kann ich mich nur an zwei, drei dafür vorgesehenen Stellen. Nichts geht auf eine meiner Ideen zurück. Mir bleibt bestenfalls die äußere Form überlassen. Obwohl ich die Fenster putze, sind sie kurze Zeit später wieder verschmutzt.   Eine Woche nach meinem Einzug habe ich ein Bild aufgehängt. Zunächst wollte das die Wand verhindern, indem sie dem Nagel ein Eindringen verwehrte. Dann ließ der Raum das Bild schief wirken, indem er sich neigte. Zuletzt nahm ich das Bild eigenhändig herunter, da ich der Meinung war, es sei meinem beständigen Blick nicht gewachsen. In Wahrheit hat mich meine Wohnung gegen mich selbst eingesetzt, nachdem ich auf die ersten Warnschüsse – ein Hammerschlag auf den Daumen, mehrere Löcher in der Wand, letztendlich ein Bohrloch, das zugespachtelt werden musste – nicht reagiert hatte.   Damals habe ich zum ersten Mal klein beigegeben, und mich damit als geeigneter Bewohner erwiesen: Verhalte ich mich anders als für mich vorgesehen, lastet ein schlechtes Gewissen auf mir. Reumütig bemühe ich mich, die ursprüngliche Situation umgehend wieder herzustellen. Es sieht dann zumeist mehr nach vorher aus, als es zuvor jemals ausgesehen hat. Sobald es im Vorzimmer läutet, weiß ich, was zu tun ist: Ich versuche den Eindruck zu erwecken, nicht zu Hause zu sein.   Wo wird es passieren, lautet die Frage, die mich seit Wochen beschäftigt. Wird es wie ein Unfall aussehen oder wie eine Kurzschlusshandlung? Wenn ich abends das Licht ausmache, frage ich mich, ob ich den morgigen Tag überhaupt noch erleben werde, aber die Dunkelheit verbirgt ihre wahren Absichten hinter einer finsteren Miene. Halte ich in der Früh Hände und Gesicht unters kalte Wasser, rechne ich jedes Mal damit, einem elektrischen Schlag zu erliegen. Die Toilettenspülung betätige ich erst, nachdem ich den Deckel zugemacht und mich einige Schritte entfernt habe. Aus demselben Grund steige ich aus der Badewanne, ehe ich das Badewasser auslasse. Ich stecke auch den Kopf nicht mehr ins Backrohr. Einmal hatte ich das Gefühl, meine Wohnung versuche mich aus dem Fenster zu werfen. Ich hatte sie gerade betreten, und eine geradezu heitere Kraft zog mich förmlich in die Küche, in der ein Fenster sperrangelweit offen stand. Am liebsten – soviel habe ich verstanden – hätte mich die Zirkulation meiner Wohnung durch die Eingangstür hinein und durch das Fenster wieder hinaus befördert, wie ein Blutkreislauf, der einen Eindringling durch den Organismus spült, um ihn hinterrücks auszuscheiden. Als ich ins Arbeitszimmer zurückkehre, sitzt kein Schillerfalter mehr auf dem Fensterbrett. Vielleicht ist er bloß vorbeigekommen, um nachzusehen, ob ich schwach geworden sei und ihm im Halbschlaf hinterher folge.
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