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AnneH

Veröffentlicht am 30.09.2011

leben | Nachbarschaft

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Als das Telefon läutet, bin ich im ersten Moment überzeugt, dass es jener Anruf ist, auf den jeder Schriftsteller insgeheim wartet. Ein paar Minuten sp...
Als das Telefon läutet, bin ich im ersten Moment überzeugt, dass es jener Anruf ist, auf den jeder Schriftsteller insgeheim wartet. Ein paar Minuten später weiß ich: Eine Gruppe von Menschen hält es für sinnvoll, mich einzuladen, die Entstehung einer Siedlung an der Stadtgrenze zu beobachten und zu kommentieren. Ich bin überglücklich. Es gibt Menschen, die von mir etwas über soziale Belange hören möchten. Zweifellos unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich Bezüge mit Vorliebe indirekt herstelle und auf bestimmte Missstände mit Hilfe subtiler Bemerkungen eingehe. Wieso wäre man ansonsten auf mich verfallen? Ich werde genau hinschauen. Aber es ist nicht nur das. Ich frohlocke, weil im Grunde alles in mir Architektur ist. Entwurf, Fundament, Konstruktion, Baustellen für einen Lebensraum, die nur darauf warten, in Worte gefasst zu werden. Mein Kopf steckt voller architektonischer Ideen. Aufriss, Umriss, Grundriss. Zum Beispiel bin ich einem uralten Traum zufolge für alle anderen nicht sichtbar. Ich halte mich von ihnen unbemerkt in ihrer Umgebung auf, höre, was sie sagen, höre, was gar nicht für mich bestimmt ist, überrasche jemanden, der etwas gesagt hat, vielleicht sogar mit Kenntnissen, von denen er nicht weiß, wie um alles in der Welt ich sie mir habe verschaffen können. Bislang bin ich diesem Ziel trotz intensiver Bemühungen keinen Schritt näher gekommen. Meine Taktik besteht darin, mich unter das Sofa im Wohnzimmer zu legen und zu warten, ob irgendwer darauf Platz nimmt und mit jemand anderem, der oder die sich ebenfalls dort hinsetzt, eine Unterhaltung beginnt. Zur Not würde es auch reichen, wenn eine Person von meinem Sofa aus telefoniert. Aber auch das ist unwahrscheinlich. Ich lebe allein. Und warum sollte jemand in meiner Wohnung Vertraulichkeiten ausplaudern? Schließlich könnte sein Telefon abgehört werden. Das ist heute keine Seltenheit mehr. Ich liege also oft stundenlang unter dem Sofa und weiß doch, dass es vergeblich ist. Da unten habe ich Zeit, über verschiedene Dinge nachzudenken. Es ist auch bereits vorgekommen, dass ich unter dem Sofa liegend eingeschlafen bin. Aus meinen Gedanken werden dann Träume, ein Nachdenken, das sich dem Diktat der Vernunft entzieht.
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