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Veröffentlicht am 30.09.2012

leben | Nachbarschaft

Ein ganzer Kontinent kann gar nicht untergehen



Ravels Klavierkonzert in G-Dur wird die Veränderung bringen. Es soll mir helfen, meine Gedanken zu ordnen und auf ein gemeinsames Ziel zu richten. Der f...
Ravels Klavierkonzert in G-Dur wird die Veränderung bringen. Es soll mir helfen, meine Gedanken zu ordnen und auf ein gemeinsames Ziel zu richten. Der für mich nicht sichtbare Dirigent (es ist Claudio Abbado) führt nicht nur die Musiker des Orchesters durch die Partitur, sondern bedeutet auch mir, jegliche Ablenkung zu vergessen und mich seinem, Arabesken ins Nichts zeichnenden Dirigentenstab zu überlassen. Das kommt mir ein wenig übertrieben vor, schließlich bin ich Freischaffender. Ich beschäftige mich – so lobenswert das ist – nicht damit, das Werk anderer zur Aufführung zu bringen, sondern … außerdem habe ich noch nie mit Herrn Abbado gearbeitet und war bei keiner der Proben dabei. Ich hatte keine Gelegenheit, mich auf die – wie soll ich sagen – Handschrift dieses Meisters einzustellen. Ich bin immer zu spät dran und beschließe daher, Ravels Stück indirekt für mich arbeiten zu lassen. Ich begegne ihm wie dem Verkehr vor dem Fenster, dem Soundtrack der Stadt, der ein Bestandteil ist, der dazu gehört, vor dem es kein Entkommen gibt. (Textbeitrag: Hanno Millesi) Fallweise bringt der einen dazu, sich noch intensiver zu konzentrieren, eine schalldichte Glocke, eine Gedankenglocke um sich zu errichten, durch deren Mantel nicht die geringste Störung dringt. Zunächst klappt das ganz gut. Dann fällt mir ein, dass es einem Sakrileg gleichkommt, ein Werk Ravels als Störung zu bezeichnen. So ignorant kann niemand sein; ich eingeschlossen. Die Musiker machen ihre Arbeit tadellos. Mit bestechender Präzision, die dort, wo sie zusticht, Leidenschaft austreten lässt. So möchte ich auch arbeiten. Und um das zu erreichen, muss Ravel verstummen. Ich erhebe mich, um die CD auszuschalten. Im letzten Moment weiß ich es besser: Wer bin ich, dass ich diese ganzen Virtuosen und Koryphäen zum Schweigen bringe, damit mein geringfügiges Geschreibsel nicht davon – wenn ich jetzt daran denke, muss ich beinahe lachen – gestört wird. Da verlasse ich lieber den Raum, um die Aufführung dieses wunderbaren Werks nicht länger mit meiner Anwesenheit zu belästigen. Anstatt zu arbeiten werde ich ein Bad nehmen. Die Zeit, in der das Badewasser in die Wanne rinnt, verbringe ich mit einem Experiment. Meine Wohnung verfügt über vier Waschbecken, genau genommen sogar fünf. Es gibt ein so genanntes Fingerwaschbecken auf der Toilette, eine Doppelspüle in der Küche, die Waschmuschel im Badezimmer und unmittelbar daneben ein Bidet. Mit dem Fingerwaschbecken fange ich an. Ich verschließe es, wie ich in der Folge auch alle anderen Waschbecken verschließen werde, und drehe den Kaltwasserhahn auf,  sagen wir: mittlere Stärke. Dann laufe ich in die Küche, wo sich der Wasserhahn über einem der Becken befindet, drehe ihn ebenfalls auf, laufe weiter ins Bad, wo ich dasselbe beim Waschbecken und beim Bidet mache. Erst sobald überall das Wasser fließt, beeile ich mich zurück auf die Toilette und stelle das Wasser, das bereits begonnen hat überzulaufen, ab, ziehe den Stöpsel heraus und mache, dass ich ins Bad komme. Das Bidet verfügt nämlich nach dem Fingerwaschbecken über das geringste Fassungsvermögen und ist mittlerweile ebenfalls nahe daran, überzugehen. Ich drehe das Wasser ab, ziehe den Verschluss und wende mich dem Waschbecken zu, das erst dreiviertel gefüllt ist. Die Spüle in der Küche ist mittlerweile ebenfalls fast voll. Ich schiebe den Hahn über das andere Becken und lasse das Wasser aus dem beinahe gefüllten Becken heraus. Wird es verschwunden sein, ehe sein Nachbar voll ist? Ich habe keine Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken, weil ich schleunigst zurück auf die Toilette muss. Laut Reglement sollte ich da sein, ehe das Wasser zur Gänze ausgelaufen ist. Ich schaffe es gerade noch, bringe alles wieder in Gang – diesmal verwende ich Warmwasser – und beeile mich ins Bad zum Bidet. Das Waschbecken im Bad habe ich vorher nicht ausgestöpselt, schließlich ist es noch nicht voll gewesen. Mein Pech – jetzt habe ich weniger Zeit, um alles wieder auf- und abzudrehen. Ich komme mir vor wie der Herr über die Gezeiten. Ob der ebenso wenig Gelegenheit hat, seine Macht zu genießen, weil er dauernd am hin und her Rennen ist? Kaltes und warmes Wasser stehen für die verschiedenen Jahreszeiten. Das Doppelwaschbecken in der Küche stellt in meinen Augen einen gesamten Kontinent dar. Es könnte sich auch um den Äquator handeln, eine gewaltige Wand aus Nirosta, die eine Hemisphäre von der anderen trennt. Ein ganzer Kontinent kann niemals untergehen. In den Spülbecken in der Küche befinden sich am oberen Rand längliche Öffnungen, durch die notfalls Wasser abfließen kann. Ich überlege, ob ich heißes Wasser ins linke Becken und kaltes ins rechte füllen soll. Dann könnte ich die Ärmel meines Hemdes aufkrempeln und wie Atlas mit seinen Füßen, je einen Arm in die warme und einen in die kalte Jahreszeit halten. Ich würde dann so stehen bleiben bis … bis Ravels Klavierkonzert inklusive eventueller Zugaben, die Claudio Abbado und das von ihm geleitete Orchester sich redlich verdient haben, verklungen sind.
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