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stadt.schreiben

Veröffentlicht am 01.03.2012

leben | Nachbarschaft

stadt.schreiben: Wohin kommt welches Gebäude?



Darüber haben sich bereits zahlreiche Architekten den Kopf zerbrochen, und sie werden es weiterhin tun. Sie sprechen aus Erfahrung, haben einiges auspro...
Darüber haben sich bereits zahlreiche Architekten den Kopf zerbrochen, und sie werden es weiterhin tun. Sie sprechen aus Erfahrung, haben einiges ausprobiert und verfügen über gediegene Argumente. Ich hingegen besuche die Baustelle mit Cindy, der bernsteinfarbenen Angora-Katze meiner Nachbarin. Alle Architekten, die anwesend sind, schielen mit Argwohn aber auch unverhohlener Neugier zu mir herüber. Die Katze halte ich in meinen Armen. Ehe ich sie losschicke, flüstere ich ihr etwas ins Ohr, was sie natürlich nicht versteht. Ich mache das nur, um die Architekten vollends aus der Fassung zu bringen. Auf der Suche nach der für sie symptomatischen Souveränität tuscheln sie untereinander. Cindy nickt ihr konspiratives Katzennicken, dann macht sie sich auf den Weg, kriecht unter Fahrzeuge, schaut in Baugruben, verschwindet im Container des Arbeitertrupps, kommt angewidert wieder heraus, schmiegt ihren Körper an einen der mächtigen Betonklötze, die Kräne am Umfallen hindern. Sie begutachtet die Zelte einiger Studenten, die sich zu Studienzwecken auf der Baustelle aufhalten, und gräbt welche von den Kräutern aus, die jemand, seiner eigenen Definition zufolge, liebevoll hier gepflanzt hat. Allmählich kommt das Tier zur Ruhe. Es kehrt zu dem Betonblock zurück, umkreist ihn und legt sich genau dorthin, wo er einen Schatten auf den Erdboden wirft. Hier muss ein Gebäude errichtet werden, sage ich und mache mir eine Notiz. Die Architekten setzen eine eisige Miene auf und schütteln verbittert ihre Köpfe. (Textbeitrag: Hanno Millesi) Dabei mache ich nichts anderes, als die mit meinem Herzen gebildeten Gedanken laut auszusprechen und schaffe so neuartigen Wohnraum. Es gibt keine bessere Methode. Eine Fülle von Gesichtspunkten mündet zwangsläufig in einen Kompromiss. Ökonomische, geometrische, ökologische, pythagoreische, architektonische, fugendichte und heizkostengünstige Blickwinkel entwachsen alle dem Kopf derselben Hydra. Wir hingegen verkaufen den Tag und die Nacht. Cindy gibt mir zu verstehen, wohin sie sich betten würde, und ich markiere das Dormitorium, die Katze macht kein Geheimnis daraus, wo entlang sie am liebsten spaziert, und ich deute mit einer legeren Handbewegung an, dass sich, ginge es nach mir, hier die Joggingbahn befinden sollte. Genauso verfahren wir mit dem Ort für Verliebte und dem für die letzte Ruhe. Wo Cindy nachdrücklich miaut, könnte ein Kongresszentrum entstehen, wo ihr ein dicker Haarknäuel hochkommt, ist eine Schule vorstellbar. Spaß beiseite, an diese Stelle gehört natürlich ein Krankenhaus. Das unverdorbene Biest, dessen ursprüngliches und sensibles Wahrnehmungssystem noch intakt ist, kann sich nicht irren, weil es nämlich gar nicht weiß, was irren ist. Sein physiologisches Sensorium ist noch nicht derart degeneriert, dass es ihm Spaß bereiten würde, jemanden hinters Licht zu führen, lebt es doch nach dem archaischen Vorsatz, wonach jedes Geschöpf verpflichtet ist, sich der Schöpfung zum Geschenk zu machen. Die Sonne, indem sie, ehe sie verglüht, einen Tag beleuchtet, der Mond, indem er mit der Anziehungskraft und der Schwerelosigkeit jongliert.
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