4. Teil
Wenn Rainer Werner Fassbinder noch leben würde, würde er folgenden Film über die Seestadt machen.
Szene, Seestadt
Franz (etwa...
Wenn Rainer Werner Fassbinder noch leben würde, würde er folgenden Film über die Seestadt machen.
Szene, Seestadt
Franz (etwa...
4. Teil
Wenn Rainer Werner Fassbinder noch leben würde, würde er folgenden Film über die Seestadt machen.
Szene, Seestadt
Franz (etwas betrunken, murmelt in sein Smartphone):
Spring an den Mond
Prall zurück
Sag
Mit einer Trompete
In der Hand
Hättest du es geschafft
Seit zehn Jahren
Lege ich mein Kinn und meine Nase
An diese Wand
An immer dieselbe Stelle seit zehn Jahren
Du solltest sehen
Wie die Wand dort aussieht
So ein Satz ist bei einem neuen
Haus nicht möglich
Das Spannende ist, dass immer alles nebeneinander existiert. Und wenn man dann auch noch ne Ahnung davon hat, was Dialektik ist, muss man nichts ausgrenzen. Wenn ich in der Seestadt etwas mitzureden hätte, ich würde den Dichter Helmut Seethaler dazu einladen, hier seine Zettelgedichte zu plakatieren. Immer alles nebeneinander … dazu gehört auch, dass ich – als von Rainer Werner Fassbinder im Jahr 2014 erfundene Figur – mir vorstellen könnte, welchen Film Christoph Schlingensief über die Seestadt machen würde, wenn er noch leben würde, und der wiederum sich vorstellen könnte, welchen Film Jean-Luc Godard über die Seestadt machen würde, wenn der noch leben würde, usw. … Aber dazu (vielleicht) später. Die Entwicklung in der Seestadt, die bevorstehende Reise mit Lydia nach Griechenland. Aber das Wichtigste scheint mir im Moment zu sein, dass mein Mitbewohner Abdul nicht aus seinem Minderwertigkeitskomplex rauskommt: Er will sich um einen Job in dem Bäckerei-Cafe bewerben, das bald in der Seestadt eröffnen wird, doch er traut sich nicht. Er meint, er habe sowieso von vornherein keine Chance und lässt es gleich bleiben.
(Franz verschwindet in einem WC-Hüttchen, um zu pinkeln, kommt wieder raus, sieht sich um)
Hier war doch die Kantine gestanden. Komisch, ich irre mich doch nicht. Die werden sie verlegt haben.
Szene, Seestadt, Kantine neuer Standort, Zeitsprung
Franz steht in der offenen Tür zur Seestadt-Kantine. Fünfzehn Bauarbeiteraugenpaare sind auf ihn gerichtet. Das Klappern mit Messern und Gabeln ist unterbrochen. Die Arbeiter starren ihn an.
Franz (räuspert sich, leise): Mahlzeit.
Franz steht da in einem sehr bunten Hemd, mit fraglichem Blick, ängstlich-staunend. Das Klappern mit Messern und Gabeln geht wieder weiter. Die meisten Männer essen Pizza, wenige Schnitzel.
Eine Kellnerin kommt auf Franz zu, bleibt vor ihm stehen.
Franz: Darf ich draußen einen Kaffee trinken?
Kellnerin: Kommt gleich.
Franz setzt sich, im Freien vor der Kantine, an ein Hochtischchen aus Plastik, holt sein Smartphone raus und murmelt hinein:
Eben, da drinnen, vor den vielen Männern, fühlte ich mich wie n‘Fettfleck in der Luft. Oder wie n’Weberknecht. Auf der Menükarte steht: Suppe, Pizza, Dessert. In der City wird Pizza mit den Fingern gefressen, hier, auf der größten Baustelle Wiens, gepflegt mit Messer und Gabel geklappert. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich da drin einer das Rauchen verbieten lassen würde. Von hier hat man einen ganz guten Überblick.
Endlich gibt’s richtige Straßen, auf Asphalt und so. Ein grüner Park ist am Entstehen. Ich stehe in der Seestadt und begreife, dass der FILM den TEXT um eine Dimension überholt/bereichert. Ich stehe also da und mir fehlt der Mut, ganz hineinzugehen in die Kantine und mich an einen Tisch mit Bauarbeitern zu setzen. Um was zu tun? Will ich reden? Um meinen Job als Seestadtschreiber zu erfüllen? Später wird mir einer der Pizza essenden Arbeiter sagen, ich hätte meinen Job erfüllt, ich sei in meinem bunten Hemd wankend dagestanden und habe irgendwie arrogant dreinschauend gewartet.
Die Kräne sind weniger geworden. Die Fenster mehr. Die Häuser sind mitten in der Pubertät. Oder schon darüber. Der See ist auch noch nicht satt, der sauft sich bald zugrunde. Und es gibt endlich einen Autoparkplatz mit weiß markierten Parkplätzen auf dem (ehemaligen) Flugfeld. Ich spiele mit einem Stück abgebrochener schmutzig-weißer Styroporplatte Fußball. In den Brennnesseln liegt eine grüne Damenstrumpfhose. Die sehe ich mir genauer an. Eine kaputte Baggerschaufel rostet wie ein abgetrennter Arm vor sich hin. Ich stelle mir den Torso dazu vor. Eine Krähe spielt auf ihm mit ihrem Essen. Auf einer Tafel steht: „Jetzt anrufen und Wohnung reservieren. Mehr als nur Wohnen.“ In hellrotbraunen Häusern – wie Bronzefiguren mit (künstlichen) Astlöchern, die Astlöcher sind natürlich Schaufensterbalkone, in denen bald Puppen (Barbie und Ken) sitzen und das Leben genießen werden. Bald ist es soweit, bald werden die ersten Menschen ihre begrenzten Jahre in diese Raumzeit flechten … „Auch wenn Gott sein Menschenwerk verlacht, ist amüsant, was der Mensch aus Gottes Schaffen macht.“ Könnte von Heinrich Heine sein. Ist es aber nicht.
Szene, U-Bahnpassage Schottenring, Wien
Lydia und Franz umarmen sich.
Franz: Die sagen, mein Text wäre homosexuellenfeindlich.
Lydia: Wer?
Franz: So genannte Kulturmanager.
Lydia: Lass dich davon nicht abbringen.
Franz: Es gibt eine Baugruppe mit Schwulen.
Lydia: Na und, Schwule gibt es überall.
Franz: Organisiert.
Lydia: Umso besser. Kontaktier sie, befrag sie, schreibe über sie.
Franz: Du hast recht.
Franz: Du kennst doch meine Angst vor „richtigen“ Männern.
Lydia (seufzt): Weil dein Papa dich als kleinen Buben aus dem Ehebett geprügelt hat.
Franz: Deshalb bin ich schwul geworden.
Lydia: Du weißt, dass das ein Blödsinn ist.
Franz: Und wegen solchen Frauen wie dir.
Lydia: Sündenbocksuchverhalten.
Franz: Wenn schon – dann Sündenböckin.
Lydia: Mach dich nur lustig.
Franz: Natürlich.
Lydia: Bis zum Abend. Vergiss nicht zu packen. Morgen um zehn am Flughafen. Und vergiss nicht, du bist mit dem Einkauf fürs Abendessen dran, Fenchel und Brokkoli.
Franz: Das auch noch.
Sie trennen sich mit einer Umarmung. Franz fährt auf der Rolltreppe zur U-Bahnlinie 2 hinunter.
Szene, Flughafen, Kefalonia, Griechenland
Lydia und Franz sitzen in einer Plastikstuhlreihe und warten auf das Boarding.
Lydia: Das war eine schöne Woche.
Franz: War es.
Lydia: Es hat keinen einzigen Tag geregnet.
Franz. Hat es nicht.
Lydia: Wie der Kellner mit dem vollen Tablet über die Kinder stürzte.
Franz: Ja, schlimm.
Lydia: Eine Katastrophe.
Franz. Unter Katastrophe stell ich mir was Anderes vor.
Lydia: Ja, was?
Franz: Wenn die Natur nicht mehr mitmacht.
Franz: Musst du deine Brösel über meiner Hose verteilen?
Lydia: Tschuldigung. Soll ich sie wegputzen?
Franz: Kann ich schon selber.
Szene, auf dem Flugfeld, vor und im Flugzeug
Lydia und Franz besteigen das Flugzeug und nehmen Platz.
Franz: Musst du so laut mit deiner Zeitung rascheln?
Lydia blättert „leise“ um.
Franz (sich umblickend): Wer macht diese schreckliche Musik?
Lydia: Das ist die Boardmusik.
Franz (zu einer Stewardess): Kann man die Boardmusik leiser drehen?
Stewardess (überaus freundlich): Tut mir leid, das geht nicht. Tee oder Kaffee?
Lydia: Du hast dich mit Einem in der Seestadt eingelassen, stimmt’s? Ist’s ein Ingenieur?
Franz stößt seinen Kopf in die Rückenlehne und faucht laut aus.Franz (stöhnend, murmelnd): Ist alles schon wieder vorbei, ist schon gar nicht mehr wahr.
Lydia: Das sagst du immer, wenn bei dir grade was anfängt. (Pause) Das Zypressenwäldchen von Spartia werde ich nie vergessen.
Franz: Ich freue mich auf die Pappeln in Aspern.
Das Flugzeug steigt in die Höhe. Nach zwanzig Minuten fängt das Flugzeug stark zu wackeln an, ohrenbetäubender Lärm setzt ein. Der Käpt’n schreit aus dem Lautsprecher, dass er notlanden muss. Sie befinden sich über dem weiten offenen Meer. Die Angst schießt in ihre Körper, Todesangst, die Tränen quellen aus ihren Augen. Sie wissen, dass sie sterben, nicht irgendwann, sondern gleich, absehbar, der Sekundenzeiger ihrer Armbanduhr läuft geschützt hinter Panzerglas, nichts kann ihn aufhalten. Sturzflug.
Lydia und Franz drücken gegenseitig fest ihre Hände, weinen und schreien.
Lydia: Ich hab immer nur dich geliebt.
Franz. Ich auch.
Lydia: Ich werde immer nur dich lieben.
Franz: Ich auch.
Lydia: Ich habe immer nur gestritten, weil ich dich über alle Maßen liebe.
Franz: Ich auch.
Lydia: Ich hab dich immer nur aus Liebe verletzt.
Franz: Ich auch.
Sie schließen gleichzeitig die Augen und erwarten das Unausweichliche.
Das Flugzeug fängt sich wieder und wird stabil. Der Lärm hört auf. Der Käpt’n verlautbart, dass der Absturz verhindert wurde und die Notlandung ausgesetzt ist, der Flug kann weiter gehen. Lydia und Franz atmen auf, lassen ihre Hände los, keuchen aus, lachen.
Stewardess (erleichtert lachend): Kaffee oder Tee?
Franz: Ist bereits beides auf meinem Hemd.
Lydia: Meint er es wenigstens ernst mit dir?
Franz: Was weiß ich.
Lydia: Ist er in gehobener Stellung, oder einfacher Arbeiter?
Franz (amtet laut aus): Ein Königreich für eine Zigarette.
Lydia blättert in der Zeitung, Franz stört das Geräusch.
Franz: Warum musstest du dir überhaupt eine Zeitung nehmen? Liest ja sonst nie.
Lydia: Nach einer Woche Griechenland will ich wissen, was zuhause los ist.
Franz: Hättest dir auch eine kleinere nehmen können.
Lydia: Die kleinen machen den größten Lärm.
Franz: Kommst du morgen mit in die Seestadt?
Lydia: Wenn’s dich nicht stört, dass ich dort atme.
Franz: Vielleicht fliegen wir beim Landeanflug über die Seestadt. Ich hab dir doch erzählt, dass da ständig Flieger drüber fliegen. Zwei in der Minute.
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Stadt.Schreiben, im Rahmen dessen sich drei AutorInnen auf ihre individuelle Art literarisch mit der entstehenden Seestadt auseinandersetzen. Der Inhalt spiegelt die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider und muss nicht der Meinung des Stadtteilmanagements Seestadt aspern entsprechen.
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