Interaktive Karte

Mut zur Nachhaltigkeit statt Greenwashing

Vom

Dass die Zukunft dem energieeffizienten und nachhaltigen Bauen gehört, scheint klar. Dass die Prioritäten aber häufig noch andere sind, ist offensichtlich. Doch ambitionierte Architektur und Nachhaltigkeit können sehr wohl Hand in Hand gehen, auch ohne große Mehrkosten. Darüber waren sich die TeilnehmerInnen einer Podiumsdiskussion in aspern Seestadt, zu der die Wien 3420 AG am 5. Dezember eingeladen hatte, einig.

Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz

Auftraggeber sollten Kosten und Nutzen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes gegenüberstellen, riet die ExpertInnenrunde. Dass die Seestadt international als Vorbild angesehen werde, sei kein Zufall. Die multidisziplinäre Herangehensweise, der Fokus auf die Bedürfnisse der NutzerInnen und das Denken in Quartieren anstatt in Einzelgebäuden seien die richtigen Ansätze für nachhaltiges Bauen.

Bauherren und PlanerInnen müssen viele Ansprüche unter einen Hut bringen: von nachhaltigen Baumaterialien, über Energieeffizienz-Lösungen bis hin zu langlebigen, flexiblen Grundrissen und Funktionen – immer unter der Prämisse der Leistbarkeit. Gehen Nachhaltigkeit und herausragende Architektur unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt zusammen oder handelt es sich um die Quadratur des Kreises?
Darüber diskutierte am 5. Dezember ein hochkarätig besetztes Podium in aspern Seestadt unter dem Titel „Architektur versus Nachhaltigkeit? Eine Standortbestimmung“. Anlass dafür war die Auszeichnung des Seestädter Quartiers am Hannah-Arendt-Park mit dem Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus im Rahmen des Programms klimaaktiv.

Das Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten Salon JAspern am Hannah-Arendt-Platz konnte eine lebendige Diskussion mitverfolgen. Der anfängliche Optimismus, Architektur und Nachhaltigkeit seien kein Widerspruch, verflog, als Heinrich Kugler, Vorstand der Wien 3420 aspern Development AG, auf die vielen neu entstehenden modernen Büroquartiere in Wien zu sprechen kam. Diese seien allesamt „coole Glaspaläste“, obwohl reine Glasfassaden inzwischen als problematisch gelten. Könne da tatsächlich von Nachhaltigkeit die Rede sein?


„Viele stellen sich als nachhaltig hin“


Ambitionierte Architektur und Nachhaltigkeit können Hand in Hand gehen, das sei aber nicht zwingend der Fall, stellte Robert Lechner, Geschäftsführer des österreichischen Ökologie-Instituts, fest: „Viele Investorenprojekte haben mit Energieeffizienz nichts am Hut. Darunter sind ganz berühmte Gebäude mitten in Wien, die sich als nachhaltig hinstellen, also Greenwashing betreiben.“ Natürlich spiele die Frage des Materials – also ob mit Holz, Glas oder mit anderen Stoffen gebaut wird – eine Rolle, aber die Frage sei vielschichtiger und oft eine der richtigen Anwendung, war sich die ExpertInnenrunde einig. Für Lechner geht es um die Quantifizierbarkeit von Kriterien. So sei es ein wichtiger Schritt gewesen, dass man sich in der Seestadt mit einem nachhaltigen Punktesystem selbst eine Benchmark gesetzt habe, die für alle Gebäude gelte, so Lechner, Mitglied im neu geschaffenen Wiener Klimarat.

Obwohl viele Technologien des ökologischen Bauens heute Standard sind und es Architekturschaffenden daher leichter fiele, sie in der Planung zu berücksichtigen, wird eine energiesparsame Bauweise nicht von allen Bauherren unterstützt. Aus Sicht der Architektin Kinayeh Geiswinkler-Aziz braucht es vor allem Auftraggeber, die den Gebäudezyklus im Blick haben, so das Mitglied des aspern Beirats und in dieser Funktion kritische Wegbegleiterin im Prozess der Stadtentwicklung in puncto Qualitätssicherung. „Die Frage ist: Wie lange kann ich ein Gebäude sinnvoll nutzen und länger behalten? Je länger, desto besser für die Umwelt und die Nutzer“, bekräftigte Geiswinkler-Aziz.


Langfristigen Nutzen für Menschen


Genau diese Langfristperspektive hat Wolfgang Gleissner, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), stets im Fokus. Auftraggeber sollten nicht nur auf die Errichtungskosten blicken, sondern vor allem die Gesamtkosten eines Gebäudes über seinen Lebenszyklus betrachten. „Mit unserem Holistic Building Program haben wir ein System entwickelt, das aus verschiedenen Zertifizierungen jene Elemente herauszieht, die mit relativ geringen Kosten relativ viel bringen“, so Gleissner. Die BIG setzt sich selbst die Latte bewusst hoch: Ab 2020 muss jedes neue Projekt im Alt- und Neubau zumindest mit der Stufe klimaaktiv Silber bewertet werden.

BIG-Gebäude, wie die Bundesschule Aspern, die ebenfalls den Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2019 erhielt, müssten aber nicht nur nachhaltig im Sinne von energieeffizient sein, sondern auch Nutzen stiften und einen Mehrwert für die Menschen bieten, so der BIG-Geschäftsführer. Die Qualität für die NutzerInnen steht für Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensbiologin und ebenfalls Mitglied des aspern Beirats, ebenfalls im Mittelpunkt: Ein Gebäude könne noch so energieeffizient sein, wenn es für seine NutzerInnen nicht funktioniere und entsprechend genutzt würde, wäre es eben nicht nachhaltig, stellte Oberzaucher fest.


In Quartieren denken


Von Relevanz sei aber nicht nur das Gebäude selbst, sondern das Umfeld: „Es hängt immer davon ab, wo ein Gebäude steht, was rundherum passiert. Wien besteht aus Grätzln. Es gibt eine lange Tradition, dass man in fußläufiger Nähe sämtliche Aspekte des Lebens abdecken kann. Das ist eine entscheidende Qualität für die Menschen und wirkt nachhaltig“, machte die Verhaltensbiologin klar.

„Das Quartier wird als ganz zentrale Zauberformel für viele soziale und energetische Probleme angesehen, die sich nicht im Gebäude lösen lassen“, ist auch Christa Reicher überzeugt. Die Professorin für Städtebau und Entwerfen an der RWTH Aachen University und Vorsitzende des aspern Beirats moderierte die Runde im Salon JAspern. Auf Fachkonferenzen in Deutschland werde die Seestadt oft als Benchmark und Referenz für Stadtgründungen und nachhaltiges Bauen gesehen, so Reicher. Aber auch die Nahversorgungsstrategie mit der ersten gemanagte Einkaufsstraße Österreichs und die erfolgreiche Schaffung von bezahlbarem Wohnraum würden international große Beachtung finden.


Multidisziplinär denken


Einen Erfolgsgarant der Seestadt sieht Christa Reicher im permanenten Lernen und kritischen Reflektieren. Das Zusammenspiel der Entwicklungsgesellschaft Wien 3420 AG mit ihrem ExpertInnen-Team aus unterschiedlichen Fachgebieten und dem Sparringpartner aspern Beirat funktioniere sehr gut. Im interdisziplinären Arbeiten sieht auch Regina Freimüller-Söllinger, die in der Seestadt den Gebäudekomplex Sonnenallee mit Wohnungen, Studentenheim und multifunktionaler Hochgarage inklusive nichtkommerzieller Impulsräume entworfen hat, die Zukunft: Von großem Vorteil sei es, sich gleich zu Projektbeginn mit ExpertInnen anderer Fachgebiete, wie FreiraumplanerInnen und BauphysikerInnen zusammenzusetzen, so die Architektin. Angesichts der Komplexität im nachhaltigen Bauen brauche es einerseits Regelwerke und Visionen und andererseits die richtigen Partner. Für nachhaltigen Lebensraum seien viele Teilaspekte abzustimmen: Freiräume, Mobilität, Soziales etc. und natürlich eine außergewöhnliche Architektur.

Bilder zum Artikel

Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz
Podiumsdiskussion "Architektur vs Nachhaltigkeit" am 5.12.2019
© fotografiefetz

Downloads zum Artikel

Weitere Presseartikel

Luftaufnahme der aspern Seestadt mit Wohngebäuden, Grünflächen, Straßen und U-Bahn-Trasse unter blauem Himmel.
© Wien 3420 aspern Development AG

Seestadt schafft neuen Raum für Innovation und Vielfalt im Wohnbau

Wien 3420 startet Vergabeverfahren zu vier Bauplätzen für freifinanziertes Wohnen

Programm am DOCK Seestadt: Damion Lee singt für ein entspanntes, buntes Publikum.
© Luiza Puiu

Spätsommer in der Seestadt: Zwei Feste und ein DOCK voller Programm

Das 11. Seestadt Straßenfest mit der Langen Nacht der Wiener Märkte, das 2. Sportfest Donaustadt sowie Open-Air-Kino-, Musik- und Theaterabende am See verlängern das Sommer-Feeling in der Seestadt bis weit in den September hinein.

Das BAULÜCKEN-KONZERT mit Fuzzman & The Singin' Rebels Ende Mai am DOCK Seestadt
© Luiza Puiu

Eventsommer 2026 in der Seestadt

Feiern, erleben, bewegen: aspern Seestadt lädt zu Straßenfest, Sportfest und Veranstaltungen ans DOCK.

Das Seestädter, LIL-Y am See und PIER05 prägen die Seestädter Waterfront. Der Baubeginn von „LIL-Y am See“ erfolgte im April 2026. „PIER05“ und „Das Seestädter“ folgen in den nächsten Monaten.
© Wien 3420 aspern Development AG / Visualisierungen: K18.pictures; 2026

Preview: So wird die zukünftige Waterfront in der Seestadt

Direkt am Ufer des asperner Sees wächst in den nächsten Jahren eine der spektakulärsten Locations der Seestadt. Neue Visualisierungen zeigen jetzt, wie sich markante Hochpunkte mit Arkaden, Gastgärten und eine Promenade in den kommenden Jahren zu einem einzigartigen Stadtraum mit internationalem Flair verbinden werden.